Sonn- und Feiertage von Monika Berrisch (C) 2001 Monika Berrisch Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht zufällig, sondern durchaus beabsichtigt. Es geht doch nichts über einen geruhsamen Sonntag - spät aufstehen, gut frühstücken, rumgammeln, fernsehen, essen, schlafen. Man muss sich um nichts kümmern, man muss eigentlich gar nichts. Allerdings haben wir mit der Durchführung solch fauler Sonn- und Feiertage einige Probleme. Problem Nummer eins sind diverse Kinder. Als sie klein waren, gab es nichts Schöneres und nichts Wichtigeres, als Mami ab sechs Uhr alle halbe Stunde zu wecken. Zuerst mit den Worten: "Mami, rutsch mal, Mami, lass mich mal unter deine Decke." - dann mit den Worten: "Mami, ich habe Hunger, kann ich Cornflakes?" Muttern öffnete ein Auge, nickte vorsichtig und drehte sich noch einmal rum. Fünf Minuten später stand das entsprechende Kind wieder am Bett: "Mami, ich komm' an die Schüsseln nicht ran, kannste mir mal eine aus dem Schrank holen?" - Worauf sich Mami (manchmal auch Papi) mühevoll aus dem Bett erheben und den Kindern die entsprechenden Wünsche erfüllen. Wenn die Eltern dieser Kinder dann endlich in der Lage sind, für ein gemeinsames Frühstück zu sorgen, haben die Kinder keinen Hunger mehr, sie hatten ja schon Cornflakes. Einmal hat mich eines der Kinder am Sonntag so gegen sechs Uhr in der Nacht geweckt und gefragt, ob es in die Schule gehen dürfe, selbstredend habe ich es erlaubt. Es war schon etwas peinlich, dass das betreffende Kind nach einer Stunde empört vor mir stand, und mir mitteilte, auf dem Schulhof sei niemand gewesen. Als die Kinder dann etwas größer wurden und die Cornflakes-Schüsseln im Schrank erreichen konnten, trieb mich die Tatsache, dass sie auch den Fernseher anmachen können, aus dem Bett. Das Kinderfernsehen am Sonntag gehört eigentlich auf den Index. Auch später trieb mich die Neugierde aus dem Bett, denn ich wollte schon wissen, welcher nicht zu unserem Haushalt gehörende Jugendlicher sich morgens heimlich hier aus dem Haus schleicht. Ein weiteres Problem ist der Sonntag als freier Arbeitstag. Nicht als unser freier Tag, sondern als der freie Tag anderer Arbeitnehmer. Zum Beispiel sind Sonntags die Geschäfte geschlossen und wir können nicht mal eben ins nächste Geschäft laufen und das Vergessene einkaufen. Mittlerweile sind ja Kaffee oder Butter auch in Tankstellenshops erhältlich, aber andere Dinge eben nicht, wie zum Beispiel Außenlampen für die Terrasse. An Feiertagen fallen uns die unmöglichsten Dinge ein, die wir noch erledigen wollen, bevor uns der Anfall von Arbeitswut wieder verlässt. Harmlos ist ja noch die Idee, sämtliche Pflanzen umzutopfen, Ableger abzuschneiden und die Blumen in der Wohnung neu zu verteilen. Es handelt sich hier auch nur um einen kleinen Urwald mit etlichen Pflanzen, die die Zwei-Meter-Marke längst überschritten haben. Nein, viel schlimmer sind die Anfälle von Reparaturwut, bei denen wir irgendetwas auseinandernehmen und anschließend nicht mehr zusammenkriegen, weil entweder das passende Werkzeug fehlt, oder ein wichtiges Ersatzteil, das am Sonntag nicht erhältlich ist. Die Geschäfte haben ja zu. Das Objekt landet dann im Keller und bleibt im Allgemeinen da auch stehen, bis wir es wegwerfen. Wir schleppen seit drei Umzügen ein kaputtes Tonbandgerät mit, das einmal viel Geld gekostet hat (vor ungefähr zwanzig Jahren). Es existieren auch noch ein paar Bänder für dieses Gerät, da soll klasse Musik drauf sein. Gehört habe ich diese Bänder noch nie, denn nach drei sonntäglichen Reparaturversuchen ist das Tonbandgerät wieder im Keller gelandet, und ich hoffe, dass wir es irgendwann wegwerfen werden. Fast genauso chaotisch enden Auf- oder Umräumversuche. Nur Sonntags komme ich auf den Gedanken, dass ich die Küche mal wieder abschrubben könnte. Jede Wette, genau dann liegen alle Putzlappen im Auto, und das steht aus irgendwelchen Gründen auf einem zehn Kilometer entfernten Parkplatz oder der Fußballverein ist damit unterwegs. Das merke ich aber erst, wenn sämtlicher Schankinhalt ausgeräumt und über die gesamte Wohnung verteilt ist. Die Sonntage eignen sich auch hervorragend zum Umgestalten der Wohnung, und weil unsere Einrichtung nicht nach den Ratschlägen diverser Einrichtungszeitschriften und auch nicht aus dem Versandhauskatalog zusammengestellt ist, sondern eher vom Flohmarkt stammt, macht das Umräumen sehr viel Spaß. Wir beginnen übrigens immer erst nach acht Uhr abends, damit die Nachbarn auch alles mitkriegen. Es beginnt immer gleich: Mein grottenschlechter Gatte stößt mich nach den Nachrichten aus meinem Dämmerschlaf und fragt ganz harmlos: "Was hältst du davon, wenn wir das Sofa mal in diese Ecke da stellen?" - In _dieser_ Ecke steht ein riesiges Bücherregal mit über tausend Büchern. Diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen: "Tolle Idee, aber was machen wir mit den Büchern?" - "Ist doch ganz einfach, wir schieben die Anrichte ins Kinderzimmer und stellen das Regal an die Wand, wo die Paris-Bilder hängen." Das Kind will die Anrichte nicht in seinem Zimmer und der Flur ist jetzt schon total überfüllt, da passt sie nicht rein. Also wird sie erst einmal in die Mitte des Zimmers geschoben, bis wir einen Platz gefunden haben. Die Bücher werden aus dem Regal genommen, entstaubt, auf der Anrichte oder an anderen Stellen gestapelt und so weiter und so weiter. Irgendwann sitzen wir in einem grässlichen Durcheinander und beschließen, eine Kaffeepause zu machen. Wir finden die Kaffeemaschine unter einem Haufen Bücher, sehen James Joyce im Kartoffeleimer liegen und entdecken in den Kaffeetassen Schrauben, die zu irgendeinem Möbelstück gehören. Wir trinken den Kaffee aus Wassergläsern. Dabei überlegen wir, ob es die Nachbarn stören könnte, wenn wir die Bilder umhängen, es ist elf Uhr abends; pro Bild zwei Nägel, neun Paris-Bilder, zehn oder elf andere. Unsere Nachbarn lieben uns. Wenn die Standortfrage der Möbel geklärt ist, machen wir uns ans Um- und Einräumen. Das kostet wahnsinnig viel Zeit, denn da werden Sachen gefunden, die wir irgendwann einmal gut versteckt haben, und wir wundern uns, dass diese Sachen überhaupt noch da sind. Es tauchen Fotos auf, die wir unbedingt ansehen müssen, weil damit eine schöne Erinnerung oder eine lustige Geschichte damit verbunden ist. Zwischendurch finden wir auch Dinge, die wir ursprünglich dort deponiert haben, damit sie immer griffbereit sind. Dann haben wir sie allerdings vergessen und nach einiger Zeit auch nicht mehr vermisst und dann einfach neu beschafft. Es geht doch nichts über einen wohlorganisierten Haushalt.