Der Unfall

Copyright by Monika Berrisch, 2004

Sabine van der Maar war so sehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie auf dem Parkplatz beinahe an ihrem Auto vorbei gegangen wäre. Erst als sie schon fast an der Ausfahrt stand, fiel ihr auf, dass sie mit dem Wagen zur Arbeit gefahren war. Sie lief die paar Schritte zurück, schloss den Zweisitzer auf. Ein prüfender Blick zum Himmel, ein paar graue Regenwolken, dazwischen sonnige Abschnitte, und sie entschied sich, mit offenem Verdeck zu fahren. Handtasche und Laptop deponierte sie auf dem Beifahrersitz. Mit ein paar Handgriffen ließ sie das Stoffdach unter der Klappe verschwinden, startete und ordnete den Wagen mit sicherer Hand in den langsam fließenden Verkehr ein. Sie kam gerade ein paar hundert Meter weit, als direkt vor ihr eine Ampel auf Rot umsprang; sie bremste den Wagen ab. Es krachte, sie wurde mitsamt ihrem Wagen ein Stück auf die Kreuzung geschoben, wo der Querverkehr gerade noch um ihre Motorhaube herumkam.

„Scheiße!“, fluchte sie. „Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt.“ Sie holte tief Luft und stieg aus.

„Oh Scheiße!“, stöhnte Steffen Behrends. „Das hat mir heute gerade noch gefehlt.“ Er hatte weder die rote Ampel noch das blaue Auto vor ihm gesehen. Er ließ seinen Kopf auf das Lenkrad sinken und schlug mit der Stirn dreimal vorsichtig auf; das war eindeutig nicht sein Tag. Heute Morgen hatte Angelina ihm mitgeteilt, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle. Seine Reaktion verwunderte ihn immer noch. Es hatte ihn nicht sonderlich getroffen, er hatte genickt und war gegangen. Seine Frau war ein richtiges Weibsstück geworden, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem hübschen Ding hatte, das er in der Uni-Bibliothek kennen gelernt hatte. Aus dem frechen Blondschopf war eine fordernde Frau geworden, die ihn dreist mit dem Geschäftspartner ihres Vaters betrog. Mit seinem Chef.

Steffen war als Verkaufsleiter in die Firma seines Schwiegervaters eingetreten; er war für den überregionalen Immobilienhandel verantwortlich. Er war gut in seinem Job. Viele erfolgreiche Abschlüsse konnte er auf seinem Konto verbuchen, sie brachten ihm bei seinem Schwiegervater Achtung, ein hohes Gehalt und ein Firmenwagen ein, bei Angelina Verachtung und gelangweilte Ablehnung für den – wie sie immer sagte – Klinkenputzerjob, weil er wenig Zeit für sie hatte.

Und mit eben diesem Firmenwagen hatte er gerade einen Unfall gebaut.

Er hob den Kopf und beobachtete, wie eine junge Frau aus dem Zweisitzer ausstieg und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Nacken rieb. Sie verharrte einen Moment, um sich zu orientieren, sah zu seinem Wagen. Sie stapfte auf seinen Wagen zu; riss einfach seine Fahrertür auf und schrie ihn an: „Sind Sie blind? Oder vielleicht blöd? Wie kann einer nur so dämlich sein, und mit einer so dicken Bonzenkiste auf mich drauffahren? Ist mein Auto so winzig, dass ich über diese riesige Motorhaube hinweg nicht zu sehen bin? Sie hätten mich plattfahren können!“

Steffen lief knallrot an. „Es tut mir Leid, ich habe Sie tatsächlich nicht gesehen. Sie müssen aber nicht so laut schreien, ich höre sehr gut. Ist Ihnen ...“

Die Frau unterbrach ihn einfach. „Das kann doch einfach nicht wahr sein. Es ist Freitag und ich wollte ein ruhiges Wochenende haben, und nun das. Mein Auto ist kaputt.“

Jetzt wurde er auch wütend. „Nun halten Sie mal die Luft an, Lady. Ich habe doch gesagt, es tut mir Leid. Ist Ihnen etwas passiert? Haben Sie sich verletzt?“

„Nein, mit mir ist alles in Ordnung, aber Sie haben mein Auto ... Schauen Sie sich das mal an.“

Steffen zückte sein Handy. „Ich rufe besser mal die Polizei an. Soll ein Krankenwagen für Sie kommen?“ Er wählte die Notrufnummer und gab an, wo was passiert war, nebenbei holte er sein Warndreieck aus dem Kofferraum.

„Brauchen Sie nun ärztliche Hilfe?“, fragte er mitten im Telefonat. Die Frau schüttelte ihre rotbraunen Locken. „Nein, nicht nötig.“ Er beendete das Gespräch und legte das Handy weg. Mit dem Warndreieck in der Hand ging er ein Stück die Straße entlang, um es aufzustellen, immer dicht verfolgt von dieser schimpfenden Frau.

„Die Polizei kommt gleich. Es dauert ein paar Minuten. Ist an Ihrem Wagen viel kaputt?“

„Mein Wagen und mein Wochenende sind im Eimer.“ Die Frau ging zu ihrem Cabrio zurück. Steffen folgte ihr in einigem Abstand, wobei er nicht verhindern konnte, ihre recht ansehnliche Rückseite zu bewundern. Schlank war sie nicht gerade, eher wohlgerundet mit einem hübschen Hintern. Für seinen Geschmack ein bisschen zu klein und ein bisschen zu üppig, aber er musste zugeben, dass diese Üppigkeit sexy verpackt war mit dem kessen Kostüm, das sie trug. Offensichtlich Büroangestellte oder so etwas, vielleicht Chefsekretärin.

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Steffen Behrends. Ich gebe Ihnen meine Karte, damit Sie mich erreichen können, wegen der Versicherung.“ Er zog eine edle Visitenkarte aus seiner Brieftasche, die er in der Innentasche seiner Jacke trug, aber sie beachtete ihn nicht.

„Schauen Sie sich das an, der Wagen ist hinten total verbeult, das wird teuer für Sie. Und einen Leihwagen brauche ich auch. Helfen Sie mir mal!“, bellte Sabine im Kommandoton.

„Wobei?“, fragte er zurück. „Der Wagen muss sowieso abgeschleppt werden, was wollen Sie denn noch machen?“

„Sie sind also doch blind“, giftete sie. „Sehen Sie denn nicht, dass es anfängt zu regnen? Und mein Verdeck ist offen. Der Wagen wird nass innendrin, wenn ich ihn nicht zumache.“

Steffen besah sich den Schaden. „Das kriegen Sie nicht mehr zu. Die Klappe ist verzogen, die geht nicht auf. Vergessen Sie’s. Haben Sie einen Namen?“

„Ja! Hab ich. Und ein kaputtes Auto.“ Sabine wusste selbst nicht ganz genau, warum sie auf den Typ so aggressiv reagierte. Ihre Gelassenheit, die sie sonst in diversen Krisen- und Katastrophenfällen an den Tag legte, war wie weggeblasen. Wofür hatte sie eigentlich die Kommunikations- und Krisenmanagement-Seminare bezahlt?

Und dabei war es noch nicht einmal der Typ Mann, auf den sie abfuhr. Der war viel zu glatt und zu geschniegelt; dieser Anzug war ... obwohl ... in Jeans und T-Shirt könnte er vielleicht nett aussehen. Aber er war viel zu alt, ein paar graue Fäden zogen sich durch seine dunklen Haare. Und er trug einen goldenen Ring an der rechten Hand, einen Ehering. Damit passte er ohnehin nicht in ihr Beuteschema, wenn man überhaupt davon sprechen konnte.

Sie kramte eine ihrer Visitenkarten aus ihrer Handtasche, die immer noch auf dem Beifahrersitz lag, und reichte sie ihm. „Für Ihre Versicherung. Brauchen Sie noch eine zweite für den Besitzer des Wagens?“, fragte sie spitz.

„Richter Kollektionen? Was ist das?“, fragte Steffen. „Muss man die kennen, wenn man kein Anwalt ist, Frau van der Maar?“

„Hahaha, wie komisch. Ihr Intellekt steht offensichtlich in reziprokem Verhältnis zu der PS-Zahl Ihres Autos. Richter ist der Name einer anerkannten Modefirma und in diesem Fall keine Bezeichnung für eine Berufsgruppe,“ konterte Sabine.

„Reziprok. So so. Wissen Sie überhaupt, was das heißt? Sie sollten nicht so unbedarft mit Fremdwörtern um sich werfen, das könnte ins Auge gehen.“ Mit einer leichten Verbeugung reichte er ihr seine Karte.

Sie warf einen kurzen Blick darauf. „Oh je, Immobilienmakler sind Sie also. Noch jemand, den die Welt nicht braucht. Niedere Lebensform. Pah.“

Steffen kochte fast über vor Wut. „Vielen Dank für Ihre äußerst kompetente Einschätzung meiner Person“, zischte er. „Modetussi!“ Sabine drehte sich herum und stolzierte mit leicht schwingenden Hüften zu ihrem Wagen zurück; dieser Kerl machte sie einfach wütend.

...

Sabine war sauer. Einfach sauer. Erst bretterte dieser Typ einfach in ihr Auto, dann wurde der auch noch frech. Und wenn sie es richtig beobachtet hatte, konnte er sich mit seiner Kreditkarte vor weiteren Sanktionen durch die Polizei freikaufen. Das Heck ihres Wagens war im Eimer, das Verdeck ging nicht mehr zu und der Regen machte es auch nicht besser. Und dann lächelte dieser hirnlose Makler sie auch noch an. Ihre Gedanken flogen so schnell, dass ihre Hirnwindungen gar keine Zeit hatten, Luft zu holen. Sie stand hier, um auf den Abschleppwagen zu warten, ihre Schuhe drückten erbärmlich, sie wurde nass und musste dann noch das Laptop in der Hand halten, weil sie es nicht wagte, es irgendwo abzustellen. Da waren die letzten Kalkulationen für die Einkäufer drin, eine Wahnsinnsarbeit war das gewesen, und sie hatte mal wieder keine Datensicherung gemacht. Also musste sie dieses Teil weiterhin festhalten; sie hatte keine Ahnung, wie sie nach Hause kommen sollte, am besten wohl mit einem Taxi. Und dieser Typ in seinem blöden Anzug grinste immer noch. Der hatte gut lachen, der würde sich gleich in seine Bonzenkutsche setzen, an der Kiste war nur ein kleiner Kratzer an der Stoßstange, und ins Wochenende verschwinden. Am liebsten würde sie mit ihrem spitzen Absatz mal in seinen Kotflügel treten, damit er wenigstens _eine_ Beule an der Kiste hatte.

„Was grinsen Sie eigentlich so blöd hier rum? Sie machen sich wohl lustig über mich. An Ihrer Karre ist ja nichts dran,“ fuhr sie ihn an.

„Ich bewundere lächelnd Ihre guten Manieren, Frau van der Maar. Die entsprechen voll und ganz dem, was man _nicht_ als allgemein gültige europäische Höflichkeitsform versteht.“

_Fesseln, knebeln und dann aufs Bett werfen,_ dachte er und schlug sich innerlich an die Stirn. _Tu es nicht, Steffen. Tu es nicht._

„Aber da ich über erheblich bessere Umgangsformen als Sie verfüge, liebe Frau van der Maar, darf ich Ihnen vielleicht anbieten, Sie nach Hause zu fahren.“

„Das ist ja wohl das Mindeste, was ich von Ihnen erwarte, Herr ...“

„Behrends, Steffen Behrends. Wie es auf der Visitenkarte steht ... und auf dem Formular von der Polizei auch.“

„... allerdings warten wir zuerst noch auf den Abschleppwagen. Ich muss ja schließlich sagen, wo mein Auto hingebracht werden soll. Reichen Ihre Umgangsformen so weit?“ _Du Idiot,_ fügte Sabine im Stillen noch hinzu.

„Und ich muss noch ein paar Sachen aus dem Kofferraum holen. Wenn Sie so freundlich wären ...“

„Selbstverständlich. Bitte ...“ Er ließ ihr mit einer eleganten Handbewegung den Vortritt, nicht ganz uneigennützig, denn er wollte noch einmal ihren Anblick von hinten genießen. Sabine ging zu ihrem Wagen, der immer noch auf der Straße stand und mit dem eingedrückten Heck ein recht trauriges Bild abgab, und stellte Laptop und Handtasche an einer halbwegs trockenen Stelle ab. Sie betrachtete den Kofferraumdeckel. „Wenn die Klappe fürs Verdeck nicht aufgeht, dann kriegen wir den Kofferraum vielleicht auch nicht auf.“

Sie drückte auf den Verschlussknopf und versuchte, den Deckel nach oben zu ziehen. „Mist“, fluchte sie plötzlich, fuhr herum und steckte sich ihren rechten Zeigefinger in den Mund. Sie zog sie ihn wieder heraus, betrachtete ihn eingehend von allen Seiten und hielt ihn Steffen anklagend hin: „Sehen Sie sich das mal an. Jetzt ist mir auch noch ein Fingernagel abgebrochen. Und Sie sind das schuld.“

Steffen knirschte mit den Zähnen. „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, es ist doch nur ein Fingernagel.“

Normalerweise fand Sabine das auch. Aber nicht bei diesem Schnösel. „Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie sehr so ein Fingernagel gehegt und gepflegt werden muss, bis er so schön lang ist?“ Sie wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum.

„Nein“, gab er in der gleichen Tonlage zurück. „Ich schneide meine nur ab, sammle allerdings die Reste und spende sie regelmäßig dem Zoo, für die Fütterung der Piranhas. Haben Sie heute schon zu Abend gegessen? Es gibt Fingernägel in Aspik.“