Die Prügelei

Copyright by Monika Berrisch, 2003

Die Lichter der Hafeneinfahrt kamen näher. Langsam fuhr das Boot an den Positionslichtern der Einfahrt vorbei in den Yachthafen.

Marco steuerte das Boot geschickt an seinen Liegeplatz und machte das Boot am Heck fest. Nachdem er das letzte Seil festgezurrt hatte, wandte er sich an Lisa. „Du musst nicht in die Pension zurückgehen, das weißt du.“

Lisa nickte. „Ja, ich weiß. Aber ich kann nicht mit in deine Wohnung gehen. Heute nicht. Ich muss zu Luigi in die Pension gehen.“ Sie grinste schief. „Unter anderem auch deshalb, weil ich das Zeugs für meine Kontaktlinsen bei mir im Bad habe. Ich muss die Linsen dringend mal sauber machen. Die Gitarre ist auch da. Die brauche ich nachher, weil ich mit Antonio wieder rausfahre. Ich habe es ihm versprochen.“

Marco hob die Hände in gespielter Verzweiflung. „Frauen, ich sag es ja immer, Frauen.“

Lisa wurde ernst. „Marco, es war ein wundervoller Nachmittag und ein ebenso wundervoller Abend. Ich möchte mich bei dir dafür bedanken. Und auch dafür, dass du meine Heulerei so gut ertragen hast.“

„Ich habe für diesen schönen Tag zu danken. Soll ich dich noch bis zur Pension begleiten. Ich bin mit dem Wagen hier.“

„Ja, das wäre nett von dir. Dann brauche ich nicht mehr zu laufen und kann ein paar Minuten länger schlafen.“

Marco und Lisa gingen, nachdem Marco das Boot abgeschlossen hat, auf den Parkplatz zu seinem Auto. Galant öffnete er ihr die Beifahrertür und Lisa errötete ein bisschen. Sie glitt auf den Sitz. „Du bist immer Kavalier, nicht wahr?“

Marco beugte sich zur ihr herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Nur bei dir, bellissima.“

Marco stieg ebenfalls ein und startete den Wagen.

„Möchtest du lieber offen oder geschlossen fahren?“

„Wie bitte?“

„Na, ob ich das Dach aufmachen soll oder nicht.“ Marco schaute Lisa fragend an.

„Ist das ein Cabrio? Das ist doch ein festes Dach.“ Lisa klopfte mit der Hand unter das Dach über ihrem Kopf.

Marco lachte. „Es gibt viel, was du offenbar noch nicht kennst.“

Er drückte auf einen Knopf, das Dach öffnete sich elektrisch und verschwand in irgendwelchen Tiefen im Kofferraum.

Lisa schaute dem Dach erstaunt nach. Sie drehte sich wieder zu Marco und sagte: „Nein, so etwas kannste ich tatsächlich noch nicht. Aber es gefällt mir.“

Ein frischer Morgenwind spielte leicht mit Marcos Haar, Lisa konnte genau die grauen Strähnen in seinem dunklen Schopf ausmachen. Sie streckte ihre Hand aus und spielte ein wenig mit seinen Haarsträhnen. „Jede zweite Frau in diesem Land würde dich um diese Haartracht beneiden.“

„Bist du sicher? Meine Haare werden grau und immer grauer und irgendwann weiß.“

Lisa griff mit der ganzen Hand in seine Haare und zog ein wenig daran.

„Autsch, lass das“, protestierte Marco.

„Ja, da bin ich mir ganz sicher. Nun fahr, sonst bin ich zu Fuß doch noch schneller.“

Marco steuerte den Wagen ebenso geschickt wie das Boot. Er fuhr langsam durch die Straßen bis zur Pension Mucca.

Marco hielt den Wagen mitten auf der Straße an und stieg aus, um Lisa die Tür zu öffnen. „Prego, Signora. Buona notte“

Lisa stieg aus und lächelte ihn an „ Molte grazie altrettanto, Signor. Siehst du, ich kann doch ein bisschen italienisch sprechen.“

Er nickte anerkennend. „Ja, ich hoffe, dass es bald noch viel mehr wird.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, nahm Marcos Gesicht in beide Hände und drückte ihm einen schmatzenden Kuss auf den Mund. „Gute Nacht, ich gehe jetzt hoch.“

Marco legte seine Arme um ihre Taille. Er hielt sie fest. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass du mit so einem Miniküsschen zum Abschied davonkommst?“ Der Kuss, den er Lisa gab, dauerte lang, er fuhr mit seiner Zunge ihre Lippen nach, spielte ein wenig mit ihrer Zungenspitze. Lisas Knie wurden weich.

Mit sanftem Druck machte sie sich los. „Wenn wir noch länger hier stehen bleiben, liegen wir gleich auf deiner Motorhaube“, lachte sie.

Marco gab ihr einen leichten Klaps auf ihren Po und sagte: „Dann geh’ jetzt schnell, denn sonst zerre ich dich in mein Auto zurück und entführe dich in mein Schloss, genauso wie der Prinz im Märchen.“

„Ich gehe ja schon ...“ Lisa nahm ihre Handtasche vom Autositz und ging zum Eingang der Pension. Sie fühlte noch seinen Blick in ihrem Rücken. Und er war nicht unangenehm, dieser Blick.

Noch bevor sie die Türe öffnete, fuhr der Wagen hinter ihr los. Plötzlich wurde sie am Arm gepackt und herumgerissen. Gregor stand vor ihr.

„So ist das also. Rumhuren tust du hier. Wer war dieser Gigolo, der dich auf offener Straße so abgeschleckt hat? Ich wusste doch, dass da ein Kerl hinter steckt. Von allein kommst du nicht auf solche Ideen! Das war doch alles ein abgekartetes Spiel, dass du so einfach verschwunden bist.“

Lisa erstarrte. „Gregor, verschwinde hier. Was ich hier tue, das geht dich nichts an.“

„Kleines Frauchen, sehr wohl geht mich das was an. Du bist schließlich meine Ehefrau, und der Kerl kriegt das, was mir eigentlich zusteht. Du Hure, du.“ Gregor brüllte fast.

Lisa bereute, dass sie nicht mit Marco in dessen Wohnung gefahren war. Diesen Krach wollte sie nun wirklich nicht jetzt austragen. Sie versuchte, ruhig zu bleiben. „Gregor, bitte beruhige dich mal. Marco ist ein Freund, der ...“

„Der was? Dich beschläft? So wie der aussieht, beschläft der die halbe Stadt. Das war mir schon klar, als ich euch hab’ zusammen auf dem Boot verschwinden sehen. Na, wie viel zahlst du ihm denn für den netten Ausflug? Und das von meinem Geld!“

Lisa sah sich hilflos um, aber es war niemand in der Nähe. Gregor hielt weiterhin ihre Arm umklammert.

„Gregor, lass los, du tust mir weh.“ Sie versuchte, ihren Arm wegzuziehen.

Er zog sie an sich, und Lisa konnte Gregors Alkoholatem riechen. Er musste viel getrunken haben. Sie wehrte sich verzweifelt.

„Halt endlich still, du Hure. Wir gehen jetzt hoch in dein Zimmer, dann können wir die Nummer, die du heute schon geschoben hast, noch einmal machen.“

Lisa schrie auf.

Eine braungebrannte Hand legte sich auf Gregors Schulter. „Signor, ich denke, Sie lassen die Dame jetzt besser los.“

Lisa atmete erleichtert auf. Marco stand hinter Gregor und zog ihn von ihr weg.

„Ah, der Gigolo ist gekommen, um seine Hure ...“ Weiter kam Gregor nicht. Marco holte mit seinem rechten Arm nur einmal aus und schlug Gregor mit der geballten Faust genau unters Kinn. Mit einem hässlichen Geräusch schlugen Gregors Kiefer aufeinander. Er verdrehte die Augen und sank mit einer sehr eleganten Drehung zu Boden.

„Lisa, Schatz, hat er dir weh getan?“ Marco nahm Lisa in seine Arme. Sie zitterte am ganze Leib. Beide blickten auf den ohnmächtig am Boden liegenden Gregor.

„Nein, aber es hätte nicht viel gefehlt. Warum bist du überhaupt hier? Du bist doch nach Hause gefahren“, fragte Lisa verwirrt.

„Ich dachte, etwas im Rückspiegel gesehen zu haben, war mir aber nicht sicher. Dann bin ich noch ein paar Straßen weiter gefahren, aber das ging mir nicht aus dem Kopf. Dann bin ich einfach zurückgekommen. Und wenn ich das richtig sehe, bin ich genau im rechten Moment gekommen.“ Er stieß mit der Fußspitze gegen Gregors Bein. „Nun geh nach oben und pack ein paar Sachen. Ich nehme dich mit zu mir. Da kann dir wenigstens nichts passieren. Ich bleibe so lange hier unten und passe auf, dass er keine Dummheiten macht.“

Lisa schnappte sich ihren Schlüssel und rannte wie der Blitz nach oben in ihr Zimmer. Schnell warf sie ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche, stopfte ihre Kosmetiksachen in ihre Handtasche, griff nach der Gitarre und lief wieder nach unten.

In der Zwischenzeit war Gregor wieder zu sich gekommen. Er saß auf dem Sofa in der Eingangshalle und hielt sich benommen den Kopf. Marco reichte ihm ungerührt ein Tuch, das er offensichtlich um ein paar Eiswürfel gewickelt hatte.

Als Marco Lisa die Treppe herunterkommen hörte, schaute er auf, genauso wie Gregor. Lisa sah von einem zum anderen, wandte sich dann an Marco. „Ich bin fertig, wir können jetzt gehen.“

Marco beugte sich zu Gregor herunter und zischte: „Tun Sie das nie wieder, sonst ... Ich nehme Lisa jetzt mit, damit sie vor Ihnen sicher ist.“

„Wollen Sie mir etwa drohen? Ich kann Sie anzeigen, wegen Körperverletzung, wegen tätlichen Angriffs.“ Gregor versuchte noch einmal, sich zu behaupten.

„Nein, Signor, das werden Sie nicht. Versuchen Sie es gar nicht. Mit dem, was sie gerade getan haben, haben Sie Ihre Frau für immer verloren.

Gregor wandte sich mit bleichem Gesicht an Lisa und stammelte: „Lisa, bitte ... es tut mir Leid, ich wollte das nicht.“

Lisa sah Gregor nur kurz an. „Das hilft jetzt auch nicht mehr.“ Ihre Stimme zitterte. Sie wandte sich an Marco. „Lass’ uns gehen.“